Erlösung
Wodurch sind wir erlöst? Durch Jesus natürlich!
Und wovon hat er uns erlöst? Von unseren Sünden.
Und wie ist das geschehen? Durch seinen Tod am Kreuz!
So lautet die traditionelle Antwort. Sie ist in christlichen Kreisen weit verbreitet.

Liebe/r Dialogleser/in,

vielleicht gehören Sie zu jenen, die mit dem Gottesbild, das sich dahinter versteckt, nicht zurechtkommen und haben sich und andere schon öfter gefragt:

Fühlt sich Gott durch unsere Sünden wirklich zutiefst beleidigt? - So dass er sich in den hintersten Schmollwinkel des Himmels zurückzieht - bis er durch das grausame Todesopfer seines eigenen Sohnes versöhnt wird? - Oder andere fragen: Kann das ein guter Vater-Gott sein, der seinen Sohn auf diese unmenschliche Art sühnen läßt?

Es schein in unserer Macht zu stehen, Gott ganz schwer beleidigen zu können. Aber zur Versöhnung fehlt uns jede Möglichkeit; das muss ein anderer für uns besorgen!

Diese Deutung von Erlösung ist stark vom monarchistischen Denken beeinflusst. Majestätsbeleidigungen waren unverzeihbar. Womit ich einen Untergebenen oder einen Gleichgestellten beschimpfen konnte, das konnte ich mir einem König gegenüber nie und nimmer erlauben! - Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund konnte die Deutung des Kreuzestodes Jesu als einer Quasi-Majestätsbeleidigung vielen Menschen verständlich gemacht werden.

Heute , im Zeitalter der Demokratien, ist das schon schwieriger. Gibt es vielleicht auch andere Deutungsversuche?

Vor kurzem habe ich im Exerzitienhaus in Cham ein Büchlein aus der Reihe "Münsterschwarzacher Kleinschriften" in die Hand bekommen mit dem Titel "Biblische Bilder von Erlösung". Ich war überrascht, wie der Autor, P. Anselm Grün, OSB, nachweist, dass fast jeder biblische Autor eine andere Sicht von Erlösung hat.

Matthäus-Evangelium: Erlösung als Vergebung der Schuld
Markus-Evangelium: Erlösung als Loskauf
Lukas-Evangelium: Erlösung als neuer Weg
Johannes-Evangelium: Erlösung als Vergöttlichung (!)
Paulusbriefe: Erlösung als Befreiung und Rechtfertigung
Kolosserbrief: Erlösung als Versöhnung des Kosmos
Epheserbrief: Erlösung als Friede
Titusbrief: Erlösung als Erscheinung der Menschlichkeit Gottes
Pastoralbrief: Erlösung als Epiphanie Gottes
Petrusbrief: Erlösung als Licht im Dunkel
Hebräerbrief: Erlösung als Zugang zu Gott
Apokalypse: Erlösung als Schutzraum des Heils
Wie hat Jesus "ERLÖSUNG" verstanden?

Jesus hat die Nähe Gottes verkündet: Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15)

Und er hat Zeichen dieser neuen Nähe Gottes gesetzt,

- indem er Kranke heilte,
- Besessene von ihren Zwängen befreite,
- Menschen ihre Schuld vergab und sogar Tote erweckte.

Das ganze Wirken Jesu ist erlösendes und befreiendes Wirken.

Jesus hat die Nähe des Gottesreiches nicht als Lehre, sondern als Ereignis verkündet. - Und Jesus verbindet das Herannahen der Gottesherrschaft mit seiner eigenen Person. In ihm naht sich Gott auf neue Weise den Menschen.

So geschieht Erlösung für die Menschen,

- indem Jesus mit ihnen Mahl hält,
- sich ihnen zuwendet,
- ihnen Vergebung zuspricht
- und ihnen durch sein ganzes Verhalten zeigt, dass sie von Gott geliebt sind, dass ihr Leben unendlich wertvoll ist.

Jesus stellt sich die Erlösung von der Schuld zuerst als ein gnädiges Tun Gottes vor, das er allen Menschen anbietet, das aber die Umkehr und den Glauben der Menschen verlangt.

In den Worten Jesu spielt sein eigener Tod als Mittel für die Vergebung keine Rolle.

Dennoch muss sich Jesus auch Gedanken über seinen Tod gemacht haben. Denn als die herrschenden Kreise ihn ablehnten und als er Zeuge für die Ermordung Johannes des Täufers wurde, musste er damit rechnen, dass auch er ein solches Schicksal erleiden werde.

Wir werden nie eindeutig klären können, wie Jesus seinen Tod verstanden hat.

- Von der jüdischen Tradition her lag es nahe, dass Jesus seinen Tod als Prophetenschicksal verstand. Viele Propheten wurden ermordet.
- Ein anderes Bild, das Jesus naheliegen konnte, war das des leidenden Gerechten.
- Auch die Gedanken von Sühne und Stellvertretung lagen bereit, um den drohenden Tod nicht als Scheitern zu verstehen, sondern als Hoffnung, dass sein Tod seine Verkündigung nicht zunichte werden lasse, sondern sie vollende.

Wie Jesus für die Menschen gelebt hat, so ist er auch seinen Tod für sie gestorben.

Der Tod ist die Fortsetzung und Vollendung seines "Für-die-Menschen-Daseins".

Wir sehen: Das Verständnis Jesu von seinem Tod und die verschiedenen Modelle von Erlösung zeigen, dass wir die Erlösung durch Jesus Christus nicht eindimensional verstehen dürfen. Wir brauchen vielmehr viele Bilder, um durch sie hindurch auf das unbeschreibliche Geheimnis von Heil und Erlösung zu blicken,

meint Ihr Max Heitzer, Pfarrer

(Aus: dialog, 20.4.1997 /1050, Pfarrbrief der katholischen Kirchengemeinden Haibühl / St. Wolfgang + Harrling / St. Bartholomäus + Zandt / St. Maria + Hohenwarth / St. Johannes + Kötzting / St. Maria + Windischbergerdorf / St. Michael)


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