Endgültiger Durchbruch der Konzilsimpulse - Wird es ihn geben?

Liebe/r Dialogleser/in!

Es ertönt ein Ruf aus Edom: Wächter, wie lange noch die Nacht?
Der Wächter spricht: Es kommt der Morgen; aber noch ist es Nacht.

Dieses Jesajawort (Jes 21,11f) zitiert Prof. Eugen Biser, München, wenn er schreibt: „Genauer kann die Stunde, die Christentum und Kirche gegenwärtig durchleben, kaum bestimmt werden ...
Es mutet wie ein Traum an, dass vor 35 Jahren zahllose Menschen wie gebannt vor den Lautsprechern saßen, um Mario von Galli's Berichte über die neuesten Entwicklungen in den Konzilsberatungen zu hören ...

Dann aber setzte von der Kirchenspitze her eine Gegenbewegung ein, die gleicherweise auf die Zurücknahme der konziliaren Freiheit wie auf eine strenge Disziplinierung des Kirchenvolks abzielte und eine Auskühlung der dialogischen Atmosphäre nach sich zog."

Um diese Vorgänge besser einordnen zu können, möchte ich die Phasen vorstellen, in die Prof. Walbert Bühlmann, Schweiz, die Zeit vor, während und nach dem Konzil einteilt.

Charismatischer Impuls

Papst Johannes XXIII kündigt am 25.1.1959 ein allgemeines Konzil an, ohne vorher mit den Kardinälen darüber geredet zu haben, damit es nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Traditionsgebunde Vorbereitung 1959 - 1962

Die Kurie bereitet mit Hilfe der römischen Theologen die Arbeitspapiere (10.000 Seiten) vor - in der Hoffnung, die Bischöfe werden sie zur Kenntnis nehmen, vielleicht da und dort etwas korrigieren und dann die Unterschrift geben. - Doch es kam anders.

Dialoge Durchführung 1962 - 1965

Die Bischöfe kamen mit den besten Theologen der Welt ins Gespräch, arbeiteten viele aufgestaute Fragen auf und formulierten ganz neue Texte.

„Die Kirche war mit dem Konzil auf die Welt zugegangen. Bis in die Medienöffentlichkeit hinein zeigte es sich, dass man dies in der Welt verstanden hatte: Presse, Rundfunk und Fernsehen verfolgten die Vorgänge in Rom überaus aufmerksam und urteilten durchweg positiv, teilweise sogar begeistert". (Altbischof E. Schick von Fulda)

Euphorischer Aufbruch 1966 - ?

in den ersten Nachkonzilsjahren. Man fühlte sich frei von den Fesseln des Gesetzes. - Doch die Neuerungen griffen nicht so schnell und so weitreichend, wie manche es sich vorgestellt hatten. Deshalb stellte sich bald eine gewisse Enttäuschung ein. - Manches geriet auch außer Rand und Band, auch Dammbrüche kamen vor. So sprachen andere von einem „Unheil", das Johannes XXIII und das Konzil angerichtet hätten.

Enttäuschung + Restauration ? - ?

- ein Reaktion, wie wir Deutschen sie auch nach der Wende und der Wiedervereinigung erleben. - Die Zügel werden wieder straffer angezogen. - Legalistisches Denken macht sich breit. - Die Angst vor dem Laien, vor der „Kirche als Volk Gottes", wie sie vom Konzil umschrieben wurde, wird spürbar.

Endgültiger Durchbruch der Konzilsimpulse

Wird es ihn geben? - Wir haben allen Grund zu Hoffnung. Denn:

JEDE NEUERUNG BRAUCHT EIN HALBES JAHRHUNDERT, UM SICH DURCHZUSETZEN.

Dies ist die Faustregel für jede Neuerung in Welt und Kirche. Es ist auch der Zeitraum, in dem sowohl die Väter wie die Gegner der Neuerung das Zeitliche segnen.

Beispiel 1:

Das Konzil von Trient (1545/1552, 1562/1563) hat den Lettner, der seit 300 Jahren das Kirchenschiff vom Altarraum getrennt hat, wieder verboten. - Was meinen Sie, wie lange es gedauert hat, bis die Lettner aus unseren Kirchen verschwunden sind? Ein halbes Jahrhundert! In Kötzting war's 1614.

Beispiel 2:

Das Konzil von Trient hat 1563 auch die Führung von Tauf- und Traubüchern angeordnet. In den bayerischen Pfarreien tauchen erst um 1625/30 die ersten Matrikelbücher auf.

Übrigens: Zur Zeit des Konzils von Trient (1545-1552 + 1562-1563) gab es auch einen Monatspapst wie 1978. Marcellus II regierte vom 9.4. bis 1.5.1555.

„Dass er nur 22 Tage regierte, war eine der wirklichen Tragödien des Papsttums im 16. Jahrhundert gewesen; denn er allein wäre fähig gewesen, die Reform mit Maß und Folgerichtigkeit allmählich Wirklichkeit werden zu lassen", urteilen die Historiker.

Beispiel 3:

Pius X. setzte 1910 den ERSTKOMMUNION-TERMIN auf 7 Jahre herab.

In Deutschland waren 12 Jahre üblich. 7 Jahre sind die Erstklassler im 2. Schulhalbjahr alt. Die Anordnung wurde nur halbherzig durchgeführt: auf 10 und schließlich auf 9 Jahre in Deutschland, auf 8 Jahre in Österreich. Bis dahin verging ein halbes Jahrhundert!

Beispiel 4:

1909 wurde auf dem Katholikentag von Mecheln die LITURGISCHE BEWEGUNG angestoßen, sie griff zuerst im französischen, dann im deutschen Sprachraum. P. Pius Parsch z.B. feierte 1922 im Kloster Neuburg die erste Gemeinschaftsmesse, P. Anselm Schott übersetzte die lateinischen Messtexte ins Deutsche - zum Privatgebrauch. Allmählich entwickelt sich das „Deutsch Hochamt" und die „Betsingmesse". Es blieben jedoch immer noch getrennte Vollzüge: Priester alles Latein, Chor oder Gemeinde manches Deutsch. - Erst Pius XII hieß 1947 - also nach einem halben Jahrhundert - die Liturgische Bewegung gut, indem er erstmals die Notwendigkeit einer „aktiven Teilnahme aller Gläubigen" am Messopfer betonte.

Es läßt sich leicht ausmachen, in welcher Phase wir leben: in der Phase der Restauration. Wir werden noch 1-2 Jahrzehnte damit leben müssen. Im 2. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts könnte der endgültige Durchbruch der Konzilsimpulse gelingen. Die älteren unter uns werden es wohl nicht mehr erleben. Bis dahin dürfen wir

nach zwei Fassons Kirche sein.

Die einen werden die Konzilsimpulse noch mehr in „geordnete" = rechtliche Bahnen zu bringen versuchen. - Die anderen werden weiterhin im Geist Johannes XXIII und der Konzilsbischöfe „den Übergang vom Statischen zum Dynamischen, von der Autorität zu einer Art Brüderlichkeit, vom Monolog zum Dialog, vom Nebeneinander zum Miteinander vorbereiten", so Kardinal König von Wien.

Ich möchte bei den Letzteren dabei sein. Und Sie?

Ihr

Max Heitzer, Pfr., Kötzting

 

Aus: dialog, 20.9.1998/1107, Pfarrbrief der katholischen Kirchengemeinden Haibühl/St. Wolfgang, + Harrling/St. Bartholomäus - Zandt/St. Maria + Hohenwarth/St. Johannes + Kötzting/St. Maria + Windischbergerdorf/St. Michael

(Auf dieser Website veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors)


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